gematik
Die gematik GmbH ist die nationale Agentur für digitale Medizin in Deutschland. Sie entwickelt, betreibt und reguliert die Telematikinfrastruktur des deutschen Gesundheitswesens.
Erklärt für Einsteiger
Stell dir das digitale Gesundheitsnetz Deutschlands wie ein großes Straßennetz vor. Die gematik ist die Behörde, die dieses Netz baut, die Regeln aufstellt und dafür sorgt, dass alle Teilnehmer die gleichen Standards einhalten. Sie entscheidet, welche Software zugelassen wird, welche Sicherheitsanforderungen gelten und wer mitmachen darf. Ohne die gematik gäbe es kein E-Rezept, keine ePA und keinen sicheren Datenaustausch zwischen Arzt und Apotheke.
Überblick
Die gematik wurde im Jahr 2005 gegründet und hat ihren Sitz in Berlin (Rosenthaler Straße 30, 10178 Berlin). Sie ist als GmbH organisiert, also als Gesellschaft mit beschränkter Haftung. Der gesetzliche Auftrag ergibt sich aus dem Fünften Buch Sozialgesetzbuch (SGB-V).
Gesellschafter
Die gematik hat neun Gesellschafter. Das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) hält die Mehrheit.
| Gesellschafter | Anteil |
|---|---|
| Bundesministerium für Gesundheit (BMG) | 51 % |
| GKV-Spitzenverband | 22,05 % |
| Verband der Privaten Krankenversicherung (PKV) | 7 % |
| Bundesärztekammer (BÄK) | je anteilig |
| Bundeszahnärztekammer (BZÄK) | je anteilig |
| Deutscher Apothekerverband (DAV) | je anteilig |
| Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) | je anteilig |
| Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) | je anteilig |
| Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV) | je anteilig |
Die restlichen 19,95 % verteilen sich auf die sechs Verbände aus dem Gesundheitswesen. Die Finanzierung erfolgt zu 93 % durch den GKV-Spitzenverband (1,50 Euro pro gesetzlich Versichertem) und zu 7 % durch den PKV-Verband.
Governance
Die höchste Entscheidungsinstanz ist die Gesellschafterversammlung. Für Beschlüsse ist eine einfache Mehrheit (51 %) erforderlich, was dem BMG faktisch ein Vetorecht gibt. Daneben gibt es eine Schlichtungsstelle, einen Beirat (Länder, Patienten, Wissenschaft) und einen Digitalbeirat.
Seit November 2024 führt Sebastian Claudius Semler (TMF, Technologie- und Methodenplattform für die vernetzte medizinische Forschung) den Beirat als Vorsitzender. Stellvertretender Vorsitzender ist Hans-Peter Bursig (ZVEI, Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie).
Technische Details
Aufgaben der gematik
Die gematik erfüllt laut SGB V mehrere zentrale Aufgaben:
- Spezifikation: Sie definiert die technischen Standards und Schnittstellen für alle Komponenten der TI.
- Zulassung: Kein Produkt darf in der TI eingesetzt werden, ohne von der gematik zugelassen zu sein. Das gilt für Konnektoren, Kartenterminals, die SMC-B, den HBA und alle Fachdienste.
- Betrieb: Zentrale Dienste wie der IDP-Dienst, die PKI-Infrastruktur und die Root-CA werden von der gematik betrieben oder beauftragt.
- Kartenherausgabe: Die gematik ist Herausgeber des HBA für bestimmte Berufsgruppen sowie der SMC-B für Institutionen.
- Interoperabilität: Als Kompetenzzentrum für Interoperabilität definiert sie FHIR-Profile und Datenaustauschformate. Sie führt gemeinsam mit dem BMG das Interoperabilitätsverzeichnis (§ 385 SGB V).
Verhältnis zu anderen Institutionen
Die gematik arbeitet eng mit dem BSI (Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik) zusammen. Das BSI genehmigt kryptografische Verfahren, die in der TI eingesetzt werden. Das BfArM (Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte) reguliert DiGA (Digitale Gesundheitsanwendungen).
Normative Spezifikationen
Alle technischen Anforderungen werden in gemSpec-Dokumenten veröffentlicht. Diese sind öffentlich zugänglich unter gemspec.gematik.de. Die Spezifikationen umfassen Architekturkonzepte (gemKPT), Produkttypsteckbriefe (gemProdT) und Schnittstellenbeschreibungen (gemSpec).
Aktuelle Entwicklungen
GDAG gescheitert
Das GDAG (Gesundheits-Digitalagentur-Gesetz) sollte die gematik zu einer modernen Bundesagentur umstrukturieren. Der Gesetzentwurf scheiterte in der Legislaturperiode 2021-2025 mit dem Ende der Ampel-Koalition: Die zweite und dritte Lesung im Bundestag fanden aufgrund der vorzeitigen Neuwahl nicht mehr statt. Der Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD (2025) sieht eine gematik-Modernisierung ohne GDAG vor. Das BMG plant als Nachfolge das GDVG (Gesetz für digitale Versorgung und den Gesundheitsdatenraum), das Elemente der gematik-Transformation mit dem Ausbau des Gesundheitsdatenraums verbinden soll. Es ersetzt das gescheiterte GDAG. Der Referentenentwurf wird für Q2/2026 erwartet. Ziel ist die Umgestaltung der gematik zu einer modernen Digitalagentur.
Das GDVG verfolgt laut Referentenentwurf-Entwürfen drei konkrete Ziele:
- gematik-Umbau: Die gematik soll als eigenständige Digitalagentur des Bundes neu aufgestellt werden, mit klarerer Governance und schlankeren Entscheidungsstrukturen.
- FDZ-Ausbau: Das Forschungsdatenzentrum Gesundheit (FDZ) soll zu einem zentralen Gesundheitsdatenraum ausgebaut werden, der auch an den EHDS (Europäischen Gesundheitsdatenraum) angeschlossen wird.
- ePA-Wachstumsziel: Die aktive Nutzungsrate der ePA soll durch regulatorische Anreize und technische Verbesserungen signifikant gesteigert werden.
Das GDVG erweitert auch die Rolle der gematik im Bereich digitaler Identitäten: Die gematik soll die technische Koordination für die Integration der Gesundheits-ID in die EUDI-Wallet-Infrastruktur übernehmen. Damit wird die gematik zum zentralen Ansprechpartner für die Schnittstelle zwischen deutschem TI-Ökosystem und der europäischen digitalen Identitätsinfrastruktur nach eIDAS 2.0.
Strategische Leitsätze 2026
Am 15. Januar 2026 veröffentlichte gematik-CEO Dr. Florian Fuhrmann sieben strategische Leitsätze für die Weiterentwicklung der gematik. Kernaussagen:
- Digitalisierung im Gesundheitswesen ist keine Option, sondern Pflicht
- Betriebsstabilität hat höchste Priorität: Bestehende Dienste müssen zuverlässig funktionieren
- Komplexität muss reduziert werden, nicht erhöht
- Vernetztes Denken über Sektorengrenzen hinweg ist notwendig
- Schnelle Umsetzung ist wichtiger als perfekte Planung
Verknüpfungen
- Verantwortet die Telematikinfrastruktur
- Betreibt die TI-PKI (Root-CA)
- Herausgeber von HBA und SMC-B
- Definiert Standards für FHIR, KIM, E-Rezept, ePA
- Arbeitet mit BSI für Kryptografiestandards zusammen
- Reguliert den Zugang für Konnektoren und alle TI-Komponenten