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Fachdienst

Ein Fachdienst ist ein zentraler Backend-Dienst in der Telematikinfrastruktur, der die Serverseite einer TI-Anwendung implementiert und von zugelassenen Anbietern betrieben wird.

Erklärt für Einsteiger

Die Telematikinfrastruktur besteht nicht nur aus dem Netz, das Arztpraxen verbindet. Sie besteht auch aus Diensten, die auf Servern laufen und Daten speichern oder verarbeiten. Wenn ein Arzt ein E-Rezept ausstellt, wird dieses Rezept auf einem Server gespeichert. Dieser Server ist der E-Rezept-Fachdienst. Wenn eine Apotheke das Rezept abruft, holt sie es vom selben Fachdienst. Jede TI-Anwendung hat so einen Fachdienst als zentrale Anlaufstelle.

Überblick

In der TI-Architektur gibt es eine klare Trennung zwischen der Basis-Infrastruktur (Netz, PKI, IDP, VZD) und den Anwendungs-Fachdiensten. Letztere implementieren die Fachlogik einer bestimmten TI-Anwendung.

Jeder Fachdienst wird von einem oder mehreren zugelassenen Anbietern betrieben. Die gematik spezifiziert die Anforderungen und prüft die Zulassung. Der Anbieter übernimmt den Betrieb. Primärsysteme (PVS, KIS, AVS) in Arztpraxen, Kliniken und Apotheken kommunizieren mit dem Fachdienst über definierte Schnittstellen.

Bekannte Fachdienste

FachdienstAnwendungBetreiber
E-Rezept-FachdienstE-Rezeptgematik (IBM)
ePA-AktensystemePAIBM, RISE/BITMARCK
KIM-FachdienstKIMVerschiedene Anbieter (155+)
VSDM-FachdienstVSDMKrankenkassen
TI-Messenger-FachdienstTI-MessengerVerschiedene Anbieter

Interesse business

Der Betrieb eines Fachdienstes erfordert eine gematik-Zulassung und setzt die Einhaltung aller gemSpec-Anforderungen voraus. Bestehende Fachdienst-Betreiber: IBM (E-Rezept, ePA), RISE/BITMARCK (ePA), und über 155 KIM-Anbieter. Neue Produkttypen entstehen mit TI 2.0 und dem TI-Gateway.

Zulassungspflicht

Fachdienste unterliegen der gematik-Zulassung. Anbieter müssen die technischen Spezifikationen (gemSpec-Dokumente) einhalten und die Anforderungen der Testsuite bestehen. Erst nach erfolgreicher Zulassung darf der Dienst im Produktivbetrieb der TI eingesetzt werden.

Technische Details

Architekturmuster

Ein Fachdienst folgt in der Regel diesem Muster:

  • RESTful API (meist auf FHIR-Basis) als Schnittstelle zu Primärsystemen
  • Authentisierung über Access Tokens des IDP-Dienstes (OAuth 2.0 / OpenID Connect)
  • Verschlüsselung der Transportschicht via TLS (in TI 2.0: mTLS)
  • VAU-Schutz für besonders schutzbedürftige Daten

VAU - Vertrauenswürdige Ausführungsumgebung

Fachdienste, die besonders sensible Gesundheitsdaten verarbeiten, nutzen eine Vertrauenswürdige Ausführungsumgebung (VAU). Die VAU ist eine gehärtete Ausführungsumgebung, in der die Daten verschlüsselt verarbeitet werden. Selbst der Betreiber des Fachdienstes kann die Daten nicht im Klartext lesen.

Der E-Rezept-Fachdienst und das ePA-Aktensystem nutzen VAU. Die gematik spezifiziert das VAU-Protokoll; der Anbieter implementiert es und weist die korrekte Umsetzung im Zulassungsverfahren nach.

Interesse technik

Fachdienste implementieren REST/FHIR-APIs nach gemSpec-Vorgaben. Authentisierung: OAuth 2.0 / OpenID Connect über den IDP-Dienst. In TI 2.0: mTLS als Pflicht für alle Verbindungen. Sensible Dienste (ePA, E-Rezept) nutzen VAU (Vertrauenswürdige Ausführungsumgebung). API-Referenzen: gemspec.gematik.de/docs/gemSpec/

Ablauf einer Fachdienst-Anfrage

Typischer Ablauf, wenn ein Primärsystem einen Fachdienst aufruft:

  1. Primärsystem fordert einen Access Token vom IDP an (Authentisierung per eGK, HBA oder SMC-B)
  2. IDP stellt einen zeitbegrenzten Access Token aus
  3. Primärsystem sendet eine HTTPS-Anfrage an den Fachdienst und legt den Access Token im Authorization-Header vor
  4. Fachdienst prüft Gültigkeit und Berechtigungen des Tokens
  5. Fachdienst führt die Fachlogik aus und antwortet

Bei TI 2.0-Fachdiensten erfolgt die Verbindung in Schritt 3 über mTLS, sodass auch das Primärsystem ein Zertifikat vorlegen muss.

Fachdienst vs. zentrale TI-Dienste

Zentrale TI-Dienste wie IDP, VZD und PKI bilden die gemeinsame Basis für alle Anwendungen. Fachdienste bauen auf dieser Basis auf und implementieren Anwendungslogik. Die Grenze ist nicht immer scharf: Das ePA-Aktensystem ist ein Fachdienst, enthält aber auch Infrastrukturanteile wie den Schlüsseldienst.

Schnittstellen

Fachdienste bieten typischerweise zwei Schnittstellentypen:

  • Primärsystem-Schnittstelle: Wird von PVS, KIS und AVS aufgerufen. In der Regel REST/FHIR.
  • Versicherten-App-Schnittstelle: Wird von mobilen Apps aufgerufen. Ebenfalls REST/FHIR, aber mit anderen Authentisierungsflüssen.

Verknüpfungen

  • E-Rezept (E-Rezept-Fachdienst als prominentestes Beispiel)
  • ePA (ePA-Aktensystem ist der zentrale ePA-Fachdienst)
  • KIM (KIM-Fachdienst als Mailserver der TI)
  • VSDM (VSDM-Fachdienst bei den Krankenkassen)
  • IDP (stellt Access Tokens für Fachdienst-Zugriffe aus)
  • VAU (Schutzmechanismus für besonders sensible Fachdienste)
  • FHIR (Standarddatenformat für Fachdienst-APIs)
  • Telematikinfrastruktur (Netz und Basis-Infrastruktur, auf der Fachdienste laufen)
  • mTLS (Verbindungsabsicherung in TI 2.0)
  • gematik (spezifiziert und zulässt Fachdienste)
  • Primärsystem (PVS, KIS, AVS als Clients der Fachdienste)

Quellen