ePA-Aktensystem
Das ePA-Aktensystem ist die technische Plattform, auf der die elektronische Patientenakte (ePA) betrieben wird. Es stellt FHIR-basierte APIs für Dokumentenverwaltung, Medikationsdienst und Zugriffssteuerung bereit und wird von zugelassenen Aktensystembetreibern im Auftrag der Krankenkassen betrieben.
Erklärt für Einsteiger
Die ePA ist wie ein digitaler Ordner für Gesundheitsdaten. Aber irgendjemand muss diesen Ordner auch physisch speichern und bereitstellen. Das erledigt das ePA-Aktensystem. Es ist der Server im Hintergrund, auf dem die Akte liegt, auf den Ärzte zugreifen können und der sicherstellt, dass nur autorisierte Personen Einsicht haben. Betrieben wird es von spezialisierten IT-Unternehmen im Auftrag der Krankenkassen.
Überblick
Die gematik legt die technischen Anforderungen an das ePA-Aktensystem fest. Krankenkassen beauftragen zugelassene Aktensystembetreiber mit dem Betrieb. Stand März 2026 gibt es zwei dominante Betreiber:
- RISE GmbH / BITMARCK: Betreibt Aktensysteme für rund 87 Krankenkassen (ca. 72 Prozent der GKV-Versicherten)
- IBM Deutschland GmbH: Betreibt Aktensysteme für rund 16 Krankenkassen
Beide Betreiber sind von der gematik zugelassen und müssen regelmäßige Konformitätsprüfungen bestehen. Die Zulassung ist zeitlich begrenzt (bis 2028 für aktuelle Versionen).
Interesse business
Der Markt für ePA-Aktensysteme ist hochkonzentriert: Zwei Anbieter versorgen nahezu alle rund 100 GKV-Kassen. Diese Konzentration schafft Klumpenrisiken, wie der IBM-IDP-Ausfall vom 10. Februar 2026 zeigte. Die gematik hat Interesse daran, weitere Anbieter zu gewinnen. Für Startups und IT-Dienstleister bietet die ePA-Aktensystembetreiber-Zulassung theoretisch einen Markteinstieg, ist aber mit erheblichen Anforderungen an Betriebssicherheit, Datenschutz und TI-Compliance verbunden.
Verhältnis zur ePA-App
Das Aktensystem ist das Backend. Die ePA-App (Krankenkassen-App) ist das Frontend für Versicherte. Das Aktensystem ist auch für Primärsysteme (PVS, KIS, AVS) über standardisierte FHIR-Schnittstellen erreichbar.
Technische Details
Spezifikationsgrundlage
Das ePA-Aktensystem wird durch folgende gematik-Dokumente spezifiziert:
- gemProdT_Aktensystem_ePA: Produkttypsteckbrief mit funktionalen Anforderungen
- gemAnbT_Aktensystem_ePA: Anbietertypsteckbrief mit Betriebsanforderungen
- FHIR Implementation Guides: IG ePA Basisfunktionalitäten, IG ePA Medication Service, IG ePA MHD Service
Aktuelles Release (Stand März 2026): ePA 3.1.3. Davor: ePA 3.1.2 (Mai 2025), ePA 3.0.5 (Basis).
API-Struktur
Das Aktensystem stellt mehrere FHIR-basierte Schnittstellen bereit:
Dokumentendienst (basierend auf XDS / MHD):
- Dokumente hochladen (ITI-65 Provide Document Bundle)
- Dokumente suchen (ITI-67 Find Document References)
- Dokumente abrufen (ITI-68 Retrieve Document)
Medikationsdienst (ePA 3.1.2+):
- Elektronische Medikationsliste (eML) verwalten
- FHIR-Profil:
IG ePA Medication Service - Schreibzugriff für Arztpraxen und Apotheken
Berechtigungsdienst:
- Zugriffsrechte für Leistungserbringer verwalten
- Einrichtungsbezogene eML-Sperrung (granulare Kontrolle ab März 2026)
Interesse technik
Primärsysteme greifen auf das Aktensystem über den ePA-Frontend-Modul-Proxy zu (im Konnektor oder TI-Gateway integriert). Der direkte REST/FHIR-Zugriff läuft gegen den Endpunkt des jeweiligen Aktensystems. Authentifizierung: IDP-Token (Scope
epa) für Leistungserbringer (via SMC-B). Die VAU-Verschlüsselung des Aktensystems erfordert einen zusätzlichen kryptografischen Handshake (ECIES mit brainpoolP256r1). Spezifikation des VAU-Protokolls: gemSpec_Krypt, Kapitel ePA-VAU. GitHub: github.com/gematik/epa-poc-collection.
Vertrauenswürdige Ausführungsumgebung (VAU)
Das Aktensystem verarbeitet Patientendaten ausschließlich innerhalb einer Vertrauenswürdigen Ausführungsumgebung (VAU). Das bedeutet:
- Patientendaten werden verschlüsselt gespeichert (AES-256-GCM)
- Innerhalb der VAU werden sie temporär entschlüsselt für Verarbeitung
- Der Betreiber des Aktensystems (RISE, IBM) hat keinen Klartextzugriff
- Die VAU ist durch den BSI-Schutzmechanismus gegen Insider-Angriffe gesichert
Hochverfügbarkeit und Betrieb
Das Aktensystem muss laut gematik-Anforderungen eine Verfügbarkeit von mindestens 99,5 Prozent in der Produktionsumgebung (PU) garantieren. Geplante Wartungsfenster sind zulässig. Die Ausfälle vom 10. Februar 2026 (IBM-sektoraler IDP) und März 2026 (RISE-TI-Gateway) haben gezeigt, dass auch bei Einhaltung des SLA einzelne Störungen erhebliche Auswirkungen haben können.
Datenmigration zwischen Aktensystemen
Wenn ein Versicherter die Krankenkasse wechselt, muss das Aktensystem die ePA-Daten an den neuen Aktensystembetreiber übertragen. Dieser Prozess ist als Health Record Relocation spezifiziert (GitHub: gematik/epa-health-record-relocation) und muss innerhalb von 60 Tagen nach Kassenwechsel abgeschlossen sein.
Verknüpfungen
- ePA (die Anwendung, für die das Aktensystem die Backend-Plattform bildet)
- VAU (Sicherheitskomponente für den Datenschutz im Aktensystem)
- FHIR (Datenformat der Aktensystem-APIs)
- XDS (Dokumentenverwaltungsstandard im Aktensystem)
- eML (Elektronische Medikationsliste: eine der Kernfunktionen des Aktensystems)
- IDP (Authentifizierungsdienst für Zugriffe auf das Aktensystem)
- SMC-B (Einrichtungsauthentisierung beim Aktensystem-Zugriff)
- gematik (legt Anforderungen an das Aktensystem fest und erteilt Zulassungen)
- KIS (Krankenhausinformationssysteme greifen ab April 2026 pflichtmäßig auf das Aktensystem zu)
- PVS (Praxisverwaltungssysteme nutzen das Aktensystem für ePA-Funktionen)
- ePA-App (Frontend für Versicherte, kommuniziert mit dem Aktensystem-Backend)