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Patientenkurzakte

Die Patientenkurzakte ist das deutsche MIO-Profil für eine strukturierte Zusammenfassung der wichtigsten Gesundheitsdaten eines Versicherten. Sie bildet die nationale Datengrundlage für den grenzüberschreitenden Austausch über MyHealth@EU im Sinne des internationalen Patient Summary-Standards.

Erklärt für Einsteiger

Stell dir vor, du wirst im Urlaub in einem anderen EU-Land krank. Der Arzt dort braucht schnell die wichtigsten Informationen über dich: Welche Medikamente nimmst du? Welche Allergien hast du? Welche chronischen Erkrankungen sind relevant? Die Patientenkurzakte ist die deutsche Antwort auf diese Frage: eine kompakte, strukturierte Zusammenfassung deiner wichtigsten Gesundheitsdaten, die in deiner ePA gespeichert ist und bei Bedarf an einen Arzt im Ausland weitergegeben werden kann.

Überblick

Die Patientenkurzakte ist ein MIO (Medizinisches Informationsobjekt), das von der KBV und der mio42 GmbH als FHIR-R4-Spezifikation entwickelt wird. Sie erfüllt für Deutschland die Anforderungen des europäischen International Patient Summary (IPS)-Standards und setzt diesen auf den deutschen Versorgungskontext um.

Die Patientenkurzakte enthält keine vollständige Krankengeschichte. Sie umfasst die für die Akutversorgung und die sektorenübergreifende Koordination kritischen Informationen:

  • Aktive Erkrankungen und Diagnosen: kodiert nach ICD-10-GM und SNOMED CT
  • Dauermedikation: Arzneimittel mit Wirkstoff, Dosierung und Indikation
  • Allergien und Unverträglichkeiten: gegen Medikamente, Nahrungsmittel und andere Substanzen
  • Impfstatus: relevante Impfungen aus dem eImpfpass
  • Relevante Eingriffe und Operationen: kodiert nach OPS
  • Implantate und medizinische Geräte

Verhältnis zum Patient Summary

Der Patient Summary ist der internationale Standard (HL7 IPS, ISO 27269:2021). Die Patientenkurzakte ist das deutsche Implementierungsartefakt:

AspektPatientenkurzakte (deutsch)Patient Summary (EU/international)
HerausgeberKBV / mio42HL7, ISO
RechtsrahmenSGB V, ePA-GesetzEHDS-Verordnung
FormatFHIR R4 MIOHL7 IPS (FHIR R4)
SpeicherortePA des VersichertenÜbermittlung via NCPeH
NutzungNational + grenzüberschreitendGrenzüberschreitend

Die DVKA ist für die Übermittlung der deutschen Patientenkurzakte an das europäische Netzwerk über den NCPeH (National Contact Point for eHealth) verantwortlich. Der NCPeH konvertiert die national gespeicherte Patientenkurzakte in das IPS-Format und übermittelt sie an den anfragenden nationalen Kontaktpunkt im Ausland.

Rollout-Zeitplan

  • MIO-Entwicklung: Die Patientenkurzakte-Spezifikation (Version 1.0.0) befindet sich in der Entwicklungsphase (Stand: 2025/2026). Fertigstellung ist für den Zeitraum der ePA 3.x-Rolloutphase geplant.
  • Bis 2029: Deutschland plant die vollständige Nutzbarkeit des Patient Summary EU-weit, entsprechend den Anforderungen der EHDS-Verordnung.
  • 2031: EU-weite Pflicht für alle Mitgliedstaaten zur Umsetzung des Patient Summary.

Frist-Warnung: EHDS-Pflicht Patient Summary bis 26. März 2029

Rechtsgrundlage: Verordnung (EU) 2025/327 des Europäischen Parlaments und des Rates (EHDS-Verordnung), in Kraft seit 26. März 2025; Anwendung des Primärnutzungsrahmens ab 26. März 2027; Kapitel II EHDS-Verordnung (Patientenzusammenfassungen und elektronische Rezepte) Frist: Ab 26. März 2029 müssen Patientenzusammenfassungen (Patient Summary) und elektronische Verordnungen in allen EU-Mitgliedstaaten grenzüberschreitend austauschbar sein. Deutschland ist als Mitgliedstaat verpflichtet, die nationale Infrastruktur (NCPeH, Patientenkurzakte in der ePA) bis zu diesem Datum vollständig betriebsbereit zu haben. Handlungsbedarf: Für Hersteller von ePA-Systemen und KIS/PVS-Software: Die MIO-Spezifikation der Patientenkurzakte (Version 1.0.0, mio42 GmbH) muss rechtzeitig implementiert und zertifiziert sein. Für Krankenkassen als ePA-Betreiber: Sicherstellen, dass die ePA ab 2029 die Patientenkurzakte als abrufbares Dokument enthält und der NCPeH darauf zugreifen kann. Bei Nichtbeachtung: Verstöße gegen die EHDS-Verordnung können Vertragsverletzungsverfahren der EU-Kommission gegen die Bundesrepublik Deutschland auslösen. Mitgliedstaaten tragen die staatliche Verantwortung für die fristgerechte Umsetzung.

Pflichten und Fristen für Leistungserbringer

Die Patientenkurzakte ist kein eigenständiger rechtlicher Pflichtprozess für einzelne Praxen oder Krankenhäuser. Die Bereitstellungspflicht liegt bei der ePA-Infrastruktur: Wenn Leistungserbringer Diagnosedaten, Medikation und Allergien in die ePA eintragen (was ab ePA 3.x zur Standardnutzung gehört), entsteht die Patientenkurzakte automatisch aus diesen Daten. Für niedergelassene Ärzte: Vollständige und korrekte Kodierung von Diagnosen mit ICD-10-GM und Medikation ist Grundlage für eine nutzbare Kurzakte. Die EHDS-Verordnung verpflichtet Deutschland bis 2029 zur EU-weiten Bereitstellung.

Ihre Patientenkurzakte und Ihre Rechte

Ihre Patientenkurzakte ist Teil Ihrer ePA. Sie enthält nur eine Zusammenfassung der wichtigsten Informationen, nicht Ihre vollständige Krankengeschichte. Sie können in der ePA-App sehen, was in Ihrer Kurzakte steht. Wenn ein Arzt im EU-Ausland Ihre Daten abrufen möchte, müssen Sie ausdrücklich einwilligen. Sie können der Weitergabe Ihrer Daten ins Ausland in der ePA widersprechen.

Praxis-Tipp: Datenqualität für die Patientenkurzakte sichern

Die Patientenkurzakte entsteht automatisch aus den Daten, die Ihre Praxis in die ePA einträgt. Sie müssen keinen neuen Arbeitsschritt einführen. Aber die Qualität der Kurzakte hängt direkt von der Qualität Ihrer Einträge ab.

Was jetzt in Ihrer Praxis zählt:

  • Diagnosen vollständig kodieren: Tragen Sie aktive Dauerdiagnosen mit vollständigem ICD-10-GM-Kode ein (inkl. Zusatzkennzeichen G/V/Z/A). Fehlende Kodes führen zu einer leeren Diagnoseliste in der Kurzakte.
  • Dauermedikation aktuell halten: Ab Frühjahr 2026 können Praxen die elektronische Medikationsliste (eML) in der ePA direkt befüllen. Prüfen Sie, ob Ihr PVS dafür bereit ist.
  • Allergien und Unverträglichkeiten eintragen: Das ist das am häufigsten fehlende Feld. Fragen Sie aktiv beim nächsten Patientenkontakt nach und tragen Sie Allergien strukturiert ein, nicht nur als Freitext.

Zeitaufwand für die Erstbefüllung bei Bestandspatienten: ca. 2-3 Minuten je Patient, wenn Sie strukturierte Eingabefelder in Ihrem PVS nutzen.

Patientenrecht: Widerspruch gegen Ihre Kurzakte

Ihre Patientenkurzakte wird automatisch aus Ihrer ePA erstellt. Sie müssen nichts tun, um sie zu bekommen. Aber Sie können widersprechen.

Was kann ich tun?

  1. Öffnen Sie die App Ihrer Krankenkasse (oder melden Sie sich telefonisch).
  2. Wählen Sie die Einstellungen Ihrer ePA.
  3. Sie können der gesamten ePA widersprechen. Dann wird auch die Kurzakte gelöscht.
  4. Sie können auch nur der Weitergabe Ihrer Daten ins EU-Ausland widersprechen. Die Kurzakte bleibt dann in Deutschland gespeichert, wird aber nicht an ausländische Ärzte weitergegeben.

Wichtig: Die Weitergabe ins Ausland ist noch nicht aktiv. Sie ist für 2029 geplant. Sie können aber schon jetzt widersprechen.

Technische Details

FHIR-Architektur

Die Patientenkurzakte ist als FHIR Bundle vom Typ document spezifiziert, analog zum IPS-Format. Das Bundle enthält:

  • Composition (Metadaten): Patient, Autor (ausstellende Einrichtung), Datum, Sprache
  • Pflichtabschnitte:
    • AllergyIntolerance (Allergien und Unverträglichkeiten)
    • MedicationStatement oder MedicationRequest (Medikation)
    • Condition (aktive Diagnosen)
  • Empfohlene Abschnitte:
    • Immunization (Impfungen, Verknüpfung zum eImpfpass-MIO)
    • Procedure (Eingriffe nach OPS)
    • Device (Implantate und Hilfsmittel)

Die Profile bauen auf deutschen Basisprofilen (HL7 Deutschland, KBV-Basisprofile) auf und sind mit dem internationalen IPS-Profil kompatibel, so dass eine Konversion durch den NCPeH möglich ist.

Klinik-Integration: Beitrag des Krankenhauses zur Patientenkurzakte

KIS-Kontext: Das Krankenhaus ist ein zentraler Datenproduzent für die Patientenkurzakte. Stationäre Diagnosen (ICD-10-GM, SNOMED CT), durchgeführte Eingriffe (OPS), Medikation bei Entlassung und neu festgestellte Allergien fließen bei Einstellung in die ePA automatisch in die Kurzakte. Die Qualität der Kurzakte hängt direkt von der Kodierqualität im KIS ab.

Workflow-Bezug: Bei Entlassung: KIS stellt Diagnosen, Medikation und Allergien strukturiert in die ePA ein. Diese Einzelressourcen werden vom ePA-System maschinell zur Patientenkurzakte aggregiert. Implantate und medizinische Geräte (Device-Ressource) aus OP-Dokumentation tragen zum empfohlenen Abschnitt bei.

HL7/FHIR-Schnittstellen: Der IPS-Export aus dem KIS nutzt FHIR R4-Ressourcen: Condition (Diagnosen), MedicationStatement (Dauermedikation), AllergyIntolerance, Procedure (OPS-kodiert), Device (Implantate). Terminologieanforderung: ICD-10-GM-Kodes müssen auf SNOMED CT gemappt werden. Prüfen Sie mit Ihrem KIS-Hersteller, ob ein SNOMED-CT-Mapping-Modul verfügbar ist.

Vorbereitung: Die MIO-Spezifikation Patientenkurzakte 1.0.0 ist noch in Entwicklung (Stand März 2026). Überwachen Sie die Veröffentlichung auf mio.kbv.de und stimmen Sie mit dem KIS-Hersteller ab, wann ein konformes Export-Modul verfügbar sein wird.

Dev Quickstart: IPS-kompatibles FHIR Bundle (Patientenkurzakte)

Bundle-Typ: document. Erster Entry muss eine Composition sein. Pflicht-Sections (Composition.section):

{
  "resourceType": "Bundle",
  "meta": { "profile": ["https://fhir.kbv.de/StructureDefinition/KBV_PR_MIO_PKA_Bundle"] },
  "type": "document",
  "entry": [
    { "resource": {
      "resourceType": "Composition",
      "meta": { "profile": ["https://fhir.kbv.de/StructureDefinition/KBV_PR_MIO_PKA_Composition"] },
      "status": "final",
      "type": { "coding": [{ "system": "http://loinc.org", "code": "60591-5" }] },
      "subject": { "reference": "Patient/example" },
      "date": "2026-03-22",
      "section": [
        { "title": "Allergien", "entry": [{ "reference": "AllergyIntolerance/1" }] },
        { "title": "Medikation", "entry": [{ "reference": "MedicationStatement/1" }] },
        { "title": "Diagnosen",  "entry": [{ "reference": "Condition/1" }] }
      ]
    }}
  ]
}

Terminologien

InhaltCodesystem
DiagnosenICD-10-GM, SNOMED CT
ArzneimittelPZN, ATC-Code, SNOMED CT
AllergeneSNOMED CT, ASK (Allergiestoff-Katalog)
ImpfstoffeSNOMED CT, ATC
ProzedurenOPS, SNOMED CT

Einbindung in die ePA und NCPeH-Austausch

Die Patientenkurzakte wird aus den in der ePA gespeicherten Einzelressourcen (Medikationen, Diagnosen, Allergien) maschinell zusammengestellt oder als eigenständiges Dokument eingestellt. Der NCPeH kann diese Daten auf Anfrage eines ausländischen Kontaktpunkts:

  1. Aus der ePA des Versicherten abrufen (nach Identifizierung über Gesundheits-ID)
  2. In das IPS-Format konvertieren
  3. Verschlüsselt an den nationalen Kontaktpunkt des anfragenden EU-Landes übermitteln

Patientenrecht: Wer sieht Ihre Daten im Ausland?

Wenn Sie im EU-Ausland behandelt werden, kann der dortige Arzt Ihre Kurzakte anfragen. Das passiert aber nicht automatisch.

So funktioniert der Schutz:

  • Ihre Identität wird über Ihre Gesundheits-ID geprüft. Niemand kann anonym auf Ihre Daten zugreifen.
  • Nur die Daten in der Kurzakte werden weitergegeben. Ihre vollständige Krankengeschichte bleibt gesperrt.
  • Ihre Krankenkasse hat keinen Zugriff auf den medizinischen Inhalt Ihrer Akte.

Sie möchten keine Weitergabe ins Ausland? Widersprechen Sie in der App Ihrer Krankenkasse. Die Option heißt je nach Kasse “Grenzüberschreitender Datenaustausch” oder “Europäische Gesundheitsdaten”.

Pilotprojekte

Die AOK hat im Jahr 2025/2026 erste Pilotprojektergebnisse für den grenzüberschreitenden Patientenzusammenfassungsaustausch beim BMG eingereicht. Der Patient-Summary-Austausch läuft als separater Anwendungsfall neben dem E-Rezept-Austausch (Wave 10, H1/2027) und befindet sich in der konzeptionellen Phase (laut NCPeH-Informationen von gematik, März 2026).

FHIR-Ressourcen und Spezifikationen

MIO Patientenkurzakte: Version 1.0.0 in Entwicklung bei mio42 GmbH. Basiert auf FHIR R4 (HL7 IPS-kompatibel). Wichtige Profile: KBV_PR_MIO_PKA_Composition, KBV_PR_MIO_PKA_Condition, KBV_PR_MIO_PKA_MedicationStatement, KBV_PR_MIO_PKA_AllergyIntolerance. MIO-Portal: mio.kbv.de. IPS-Referenz: hl7.org/fhir/uv/ips/. NCPeH-Austauschformat: HL7 IPS (ISO 27269:2021). Terminologieserver: Terminologieserver des BfArM für ICD-10-GM und SNOMED CT.

Verknüpfungen

  • Patient-Summary (internationaler IPS-Standard, den die Patientenkurzakte national umsetzt)
  • MIO (Medizinische Informationsobjekte: technisches Rahmenwerk für die Spezifikation)
  • ePA (Speicherort der Patientenkurzakte)
  • NCPeH (übermittelt die Patientenkurzakte grenzüberschreitend)
  • MyHealthAtEU (europäische Infrastruktur für den Austausch)
  • EHDS (regulatorischer Rahmen auf EU-Ebene)
  • KBV (Herausgeber der MIO-Spezifikation)
  • DVKA (betreibt den NCPeH)
  • FHIR (technisches Basis-Format)
  • SNOMED CT (Terminologie für Diagnosen und klinische Konzepte)
  • ICD-10-GM (deutsche Diagnosekodierung)
  • eImpfpass (Impfdaten fließen in die Patientenkurzakte ein)
  • Gesundheits-ID (Identifikation beim grenzüberschreitenden Abruf)

Quellen